Und er sprach in Zungen

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Am Anfang einer Religionsstunde machen wir meist dieses Ritual mit den Kindern: die Schatzkiste mit Steinen wird durch den Kreis gegeben – jeder Stein ein Gebet, jede Murmel eine stumme, nur für Gott bestimme Botschaft – sie kennen sich schon aus. Kaum komme ich an, rupfen sie schon das dunkelblaue Tuch und die drei Papierkreise (rot für ‚es geht mir gar nicht gut‘, grün für ‚alles bestens‘ und gelb für ’na, irgendwo dazwischen‘) aus meinem Korb und bauen sich ihre Andachtsstätte. Sie wünschen sich das. Das Erzählen-dürfen und das Wissen, da ist noch jemand Größeres, dem wir Danke sagen, der auch bei Kummer hilft…

Heute sind sie besonders albern drauf, geben die Schatzkiste mit den Steinen nicht der Reihe nach herum – einer von ihnen hat das ganze Jahr schon lauter Hiobsbotschaften in der Familie und doch dankt er für den tollen Tag… gut so, denk ich mir, immer so viel, wie heute zu reden geht…

Sie mogeln sich um den besonderen Jungen herum… ich warte ab, was passiert, denn normal würde seine Behinderung diese Art der Interaktion nicht erlauben. Die ganze Zeit beobachtet er seine Klassenkameraden aufmerksam. Als letzter bekommt er dann die Schatzkiste in die Hand gedrückt, sucht bedächtig einen Stein aus, gibt die Kiste weiter… und…

Ein Jubeln und Loben in einer Sprache, der ich nicht mächtig bin, entfährt seinen Lippen. Er spricht deutlich, scheinbar in ganzen Sätzen – doch eine Sprache ist es nicht… AMEN! ruft er dann, legt seinen Stein zu den anderen auf das grüne Feld und setzt sich mit einem leichten Lächeln auf den Lippen hin.

AMEN! -sag ich verblüfft und muss auch lächeln. Schön war das. Und so freudig-freundlich.

„Ich hab‘ das nicht verstanden!“ – sagt ein Kind nach einer kurzen Stille verblüfft: er wächst hier im Dreiländereck dreisprachig auf…

„Ich auch nicht.“ – lächel ich ihm zu. „Aber ich bin mir sicher, Gott hat das verstanden. Gott versteht dich ja auch in den anderen Sprachen, oder?“

Er probiert seine Sprachen aus – das muss sein – stellt zufrieden fest, dass die meisten ihn nicht verstehen. „Gott aber schon.“ – sagt er.

Und die Klasse macht sich dann wieder gemütlich dran, das Klassenzimmer unsicher zu machen… 😉

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Die kleinen Dinge…

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statt dem großen Knall.

Ich bin ehrlich: ich mochte das Reformationsjahr nicht. War mir zu laut. Jetzt, wo der Trubel etwas verklungen ist, wird es vielleicht wieder möglich, von den kleinen Wundern des Alltags zu berichten – denn sie sind es, die sich zu einem Großen und Ganzen, zu UNS, auch als Evangelische Kirche zusammenfügen.

Morgens 7.3o, Volksschule an der Grenze. Ich habe hier 3 Evangelische Schüler aus 2 Klassen. In den ersten Wochen erwarten mich lange Gesichter: „Wir sind so wenige!“ Ich erzähle ihnen von den anderen Kindern in den anderen Schulen: Dort gibt es 5, da 7, da sogar 15! Ihr seid nicht die Einzigen. Und: es ist etwas Besonderes… 😉 Wochen später neidische Blicke bei der Mehrheit: die Evangelischen haben immer etwas Tolles von ihrem Unterricht zu berichten… 😀 Wir wünschen artig einen schönen Unterricht und verschwinden, wie immer, im Zimmer für die Nachmittagsbetreuung.

Frau Pfarrer versucht die Uhrzeit zu vergessen… Um 8.20 steigt sie ins Auto, um in die nächste Schule zu fahren.

Seit einiger Zeit kommt der Junge immer auf sie zu, stellt sich gerade hin, guckt sie an und ruft: „Frau Pfarrer!“ – dann geht er wieder spielen. Noch ist ja Pause. Man muss schon genau hinschauen, um zu sehen, dass er anders ist, als die Anderen. Seine Persönliche Assistentin bestätigt: er hat sich in den letzten Monaten richtig gut gemacht. Dank der schönen Geschichten und Bilder im Religionsunterricht mag er jetzt auch malen… Das ist neu. Und auch, dass er die Hefte austeilt, die anderen Kinder anspricht und anguckt. Wir haben das geübt – in Reli.

Klassenstärke 9. Aus 2 Stufen. Weil die Dorfschule winzig ist. Und weil es hier Diaspora ist.

Und doch: hier passieren die kleinen, leisen Wunder. Ganz ohne Knalleffekte. (Und für Frau Pfarrer eigentlich 2 Stunden zu früh am Morgen… 😉

Es spricht sich herum

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… dass es uns gibt.

Und sie kommen. Die aus der mittleren Generation – mit ihren Kindern und Babys…

Und sagen mir nach der ersten Tasse Kaffee – „Es ist hier nicht so streng. Und man kann hier lachen…“ Und erzählen von früheren strengen, bierernsten, humorfreien, weltfremden…. Kollegen. Und sagen dann: „der war aber auch lieb“ – wie um niemand zu verletzen. Und melden ihre Kinder zur Taufe an und fragen nach dem Kindergottesdienst.

Sagen dann: „Kirche hat nichts mit meinem Leben zu tun gehabt…“ und wiederum „Ausgetreten bin ich aber nicht, es ist schon wichtig…“

Hm.

Mit der Kaffeetasse in der Hand erzählen sie mir als sei ich 10-15 Jahre jünger; so alt wie sie – auch weil Pfarrerin in Jeans oder kurzen Sommerkleidchen neu ist. Es spricht sich herum, dass (nicht nur) Herr Pfarrer gern Witze erzählt und dass man uns händchenhaltend durch die Straßen gehen sieht. Und dass wir guten Kaffee und ein offenes Ohr haben.

Sie sind wieder da, zumindest zum Reden. Weil es sich herumspricht, dass wir nicht streng, sondern fröhlich sind.

Das ist alles. Ein guter Anfang.

Phrygien und Pamphylien

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Das ist irgendwo in Anatolien und bei Alanya (also heute Türkei) – und das werde ich in der Pfingstgeschichte vorlesen und kein Mensch wird ohne Erklärung wissen, woher denn eigentlich die Leute kamen, die der gute Petrus an jenem ersten Pfingsstag getauft hatte. Grund zur Freude war es aber wohl.

Heute haben wir andere Kämpfchen – mit bornierten Kerngemeindler, die lautstark ihrer Überzeugung Ausdruck verleihen, dass unsere Taufbewerber aus Mesopotamien nur deswegen Christen werden wollen, weil sie uns ausnutzen wollen. Oder sind es doch Meder und Elamiter? – die sehen irgendwie alle gleich aus, diese Flüchtlinge… 😉

Übrigens gibt es bei uns 11 von ihnen, eine fröhliche junge Truppe, mit denen wir gern Zeit verbringen. Neulich beim Gemeindeausflug besichtigten wir eine katholische Kirche – das kannten sie so noch nicht. Eine der jungen Frauen fragte mich, was es mit den Heiligenfiguren und den Kerzen auf sich hat. Ich antwortete nach bestem Wissen und sagte dann: „Wir Evangelischen sprechen Gott direkt an.“ Und sie: „Ich bin froh, dass ich evangelisch werde. Im Islam beten auch andere für mich und ich darf nicht mit Gott sprechen. Aber wenn ich mit Gott sprechen darf, dann bin ich jemand.“

So hört sich die Berechnung an… ja, ja, die Phrygier und Pamphylier.

Der Geist weht, wo er will.

Ostern dauert bis Pfingsten 

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Das hat mir einer in seinem verspäteten Ostergruss geschrieben und ich musste schmunzeln, denn…

😊ich hatte mir überlegt, etwas ähnliches auf die verspäteten Weihnachtskarten zu schreiben. 

Seit Herr Pfarrer und ich unsverlobt-geheiratet-ineinandereslandgezogen-beideneuepfarrstellenangetreten-zweihaushaltezusammengelegt-weihnachtengefeiert-achtwochengrippeüberlebt-hunderterleutekennengelernt-jedensonntaggottesdienstgehalten-undicheinekrabbelgruppegestartetnebenalldemnoch-undbesuchwarauchschondawieschön-wennauchmanchesnochinkistensteht…

Wir sind glücklich. Und haben uns noch nicht gelangweilt … 😉

Also dauert wohl Weihnachten bis nach Ostern… Und wir schreiben vielleicht Pfingstkarten.

🤔 gibt es eigentlich PfingstKarten? 

Jedenfalls:

Frohe Ostern! Er ist auferstanden! ☺

Frohe Weihnachten! 

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Sie wissen, dass Frau Pfarrer Predigten schreibt und nicht dazu kommt, Kekse für das Fest zu backen. Also stehen sie am Christtag vor dem Gottesdienst da mit einer Auswahl, die einfach traumhaft schön und lecker ist. „Frohe Weihnachten, Frau Pfarrer! „-sagen sie, und sie merkt, dass ihnen das Schenken eine echte Freude ist.

„Nicht in meinem Namen“

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Ist ein Fundstück, das passt. 

Und ich in Seinem Namen unterwegs. Das ist dann friedlich und unspektakulär. Adventsndachten in Wohnküchen und Feuerwehrhäusern meiner weit verstreuten Diasporagemeinde. Sie freuen sich, wenn Frau Pfarrer kommt. Nach der Andacht kommt Tee und Selbstgebackenes auf den Tisch und es wird erzählt. 

Wir freuen uns auf Weihnachten. Und wünschen euch gesegnete Tage.