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Sie hatte in diesem sonnigen Herbst gerade das zweite Jahr ihrer Konfirmandenzeit begonnen, er war ein wenig älter. Alt genug, um vom Land auf das Internat in die Großstadt zu kommen, wo sie wohnte.

Er war unheimlich stolz deswegen. Man musste ein guter Schüler sein, damit dieses Gymnasium einen nahm, und ja, die Eltern mussten es einem auch zutrauen, dass man in der großen Stadt zurechtkam und keinen Unsinn anstellte. Und er, ja, er war so gut. Er hatte es geschafft.

Das schrieb er ihr dann auch – er kannte sie aus gemeinsamen Kindertagen; sie hatten auf Kinderfreizeiten zusammen musiziert – in einem Brief. (Telefone gab es nicht. Also, um genau zu sein, es hatte nicht jeder eins. Wie auch immer: es war nicht üblich, anzurufen. Nur im Notfall. Computer waren noch nicht einmal erfunden und es war eben einfach so, dass man schrieb. Auf Papier. Falten, in den Umschlag, Gummierung ablecken – schmeckte bitter und klebte oft genug nicht, Briefmarke drauf, und hoffen, dass der Brief ankommt.)

Und sie schrieb zurück, wie sehr sie sich freute und dass sie sich bald wiedersehen konnten, weil sie den Konfirmandenunterricht ganz in der Nähe seiner Schule hatte. Nachmittags. Sie würde an dem und dem Tag um die und die Uhrzeit vor seinem Internat sein. (Unartig, dass wußte sie, denn er hätte Zeit und Ort vorschlagen müssen – und auf keinen Fall auf der Straße und NIEMALS unter vier Augen. Aber, dachte sie sich, er kennt sich ja nicht aus in der Stadt, und überhaupt, sie kennen sich von Klein auf.)

Er schrieb, dass er auf sie warte.

Und da stand er. Viel größer und besser aussehend, als sie ihn in Erinnerung hatte. Er nahm sie in die Arme und küsste sie auf die Wangen, wie früher. Nur dass es sich nicht wie früher anfühlte…

Sie gingen im stahlenden Septembersonnenschein spazieren, er bot ihr den Arm zum Unterhaken an. Als sie sich im Park auf eine Bank setzten, merkte sie, dass sie sich die Resonanzen, die seine tiefe Stimme hatte, und die sich bis zu ihr übertrugen nicht eingebildet hatte.

Der Bank ging es genauso…

Er merkte derweil nichts von ihrer Verlegenheit, sondern erzählte von seinen Plänen. Auf die Resonanzen angesprochen sang er ihr sogar ein Lied und genoss sichtlich seine neue Stimme.

Das war ihr letztes Treffen. Er hat bald Freunde in seinem Alter gefunden, und sie…

Sie kann sich nicht erinnern. Sie weiss nur noch, wie schüchtern diese Parkbank war, und dass die Sonne außergewöhlich strahlend schien für einen September. Sie trug diesen Nachmittag Jahrzehnte später noch als ein Stückchen „heile Welt“ in ihrem Herzen – doch den Namen, den Namen des Jungen, den weiss sie nicht mehr…

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