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Ich bin noch echt groggy, denn aus den ursprünglich 500 km des Sonntags sind bis heute dann gut 800 geworden, obendrauf noch eine dreistündige kirchenraumpädagogische Einheit mit einer alters-, konfessions- und religionsgemischten Gruppe zum Thema Martin Luther – übrigens auch ein Geschenk, wie schön das war… Ich komme mir vor, als wäre ich meine eigene Großmutter, die sich an jedem Weihnachtsfest die Geschenkbänder um den Hals gesammelt hatte, hihi. Sie sah immer aus, wie Karneval. 🙂

Sonntag früh aufgewacht, mit einer gewissen Traurigkeit aus dem Haus, wie oft an Sonntagen, denn es ist nicht leicht, den Glauben als die Hälfte eines Paares zu leben, während die andere Hälfte wahlweise dagegenhält oder sich in scheinbarer Toleranz unbeteiligt zeigt… Wie auch immer, das ist ja nicht das Thema, wenn es wohl auch als Hintergrundinfo dazugehört.

Also, kurz vor 9 aus dem Haus, denn es soll an diesem Tag nicht die kleine Kirche sein, wo ich so gerne hingehe – mich zieht es in den Gottesdienst des Pfarrers mit dem besten Espresso diesseits der Alpen: ich habe ihn schon zu lange nicht mehr predigen gehört. Zwei Stunden Fahrt scheinen dafür annehmbar (bei meinem Fahrstil ist das weit 😉 ) und am Nachmittag habe ich ohnehin in der Gegend zu tun – der „familienfreundliche“ 11-Uhr Gottesdienst macht’s möglich…

Auf dem Weg hast du manchmal echt viel Zeit, über deine Wege nachzudenken – vielleicht mag ich ja das „Unterwegs“ deswegen? An diesem Tag ist es schwierig. Wie ist das mit meiner – ja, zugegebenermaßen – düsteren Stimmung? Und wie mit den Wegen? Sind sie Sackgassen, Irrwege, Umwege, mal wieder falsch abgebogen? – Nun nicht mit dem Auto: das gleitet, wie es für deutsch-brasilianische Wertarbeit, geführt von einem zuverlässigen Navigationsgerät schnurgerade über die Bundesautobahn. – Aber mein Leben… Hmm. Gott gibt dir kein Navi. Und auch keinen Motor, der alles mitmacht. Kompass ist angesagt und im eigenen Tempo laufen.

Angekommen in der anvisierten Großstadt Parkplatzsuche. Geschafft. Zwar leider das Orgelstück zum Anfang verpasst, aber da bin ich angesichts der vollen Parklücken nicht die Einzige. Es sind aber nicht nur die Parklücken voll, sondern auch der Kirchsaal. Strahlend schaut der Pfarrer hoch, als er uns Nachzügler entdeckt – für mich ist nur noch ein Platz in der ersten Reihe frei, direkt neben dem Organisten, einem jungen Mann mit glänzender Stimme. Der Pfarrer freut sich so, dass er mir die Hand gibt, bevor er beginnt: „Grüß‘ dich, das ist ja eine Überraschung!“ Wir feiern Gottesdienst. Das Gebet am Anfang antwortet auf meine Weggedanken:

In mir ist es finster, aber bei dir ist das Licht;
ich bin einsam, aber du verläßt mich nicht;
ich bin kleinmütig, aber bei dir ist die Hilfe;
ich bin unruhig, aber bei dir ist der Friede;
in mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist die Geduld;
ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den Weg für mich.

So ist es also mit den Wegen – ich muss womöglich gar nicht alles verstehen. Ich lasse mich in diese Geborgenheit fallen und merke, wie das Finsternis dem Licht weicht.

Er predigt nicht über die Perikope, sondern über das Beten, über den Gottesdienst als Gebet. Predigtext ist Kolosser 4,2-4:

„Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung! Betet zugleich auch für uns, dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue und wir das Geheimnis Christi sagen können, um dessentwillen ich auch in Fesseln bin, damit ich es offenbar mache, wie ich es sagen muss.“

Nach und nach fallen bei mir die Puzzlestücke zusammen. Besonders als er sagt, dass wir viel zu wenig danken. Dabei habe ich viel, wofür ich danken kann.

Nach dem Gottesdienst sitzen wir eine kurze Weile zusammen, der Pfarrer und ich. Wir erzählen über den Stand der Dinge. Viele gute Nachrichten und auch viele Baustellen. „Du hast dich verändert.“ – sagt er zu mir. „Machst du Therapie?“ Wir grinsen, weil ich den Kopf schüttel‘. „Nee, ich glaube, das kommt vom Beten…“ Lachen.

Dass wir uns mit unseren jeweiligen Pfarrersküken, die wir auszubilden haben, genau an dem gleichen Thema abmühen, nämlich an der spirituellen Mitte, den spirituellen Wegen im Gottesdienst – ist schwer und schön zugleich. Der Austausch darüber wichtig.

Wie es bei Pfarrers oft ist, müssen wir weiter. Wir gehen noch gemeinsam zu seinem Auto. Drauf steht in Großbuchstaben: „UNTERWEGS IM AUFTRAG DES HERRN“. Das ist er. Ich wohl auch. Auch, wenn es nicht auf meinem Wagen steht… 🙂

Die Geschenke in diesem Paket? Licht, Hoffnung, Gebet, Gemeinschaft, Impulse und… wahrscheinlich noch eine Menge mehr, was ich erst später merken werde.

Ich bin dankbar und hänge mir das erste Geschenkband, als Erinnerung, um den Hals. 😉

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