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…wo sind wir stehengeblieben? Ja, es ist immer noch dieser eine lange Sonntag und der Herrgott hat wirklich nicht gespart, was Geschenke angeht. 🙂

Kaum bin ich bei meiner Freundin weggefahren, komme ich schon im Gemeindehaus an, wo meine Community Gottesdienst feiert. Geschäftiges Treiben erwartet mich: die Kantorin spielt sich ein, während die Männer noch Stühle rücken und Jung und Alt sich fröhlich begrüßt. Oben in der Küche sind schon zwei gute Seelen zugange, kochen Kaffee und stapeln Kuchen auf verschiedene Platten. Ich werde freudestrahlend begrüßt: „Heute habe ich ein neues Rezept ausprobiert, Kirschkuchen!“ Vor wenigen Monaten war sie noch schüchtern und verzog sich in die Ecke – jetzt ist sie angekommen und mitten im Geschehen.

Auch meine alte Freundin trudelt ein – sie ist seit der Gründung dabei. Das letzte Jahr war ein schweres für sie und vor kurzem erst wurde sie operiert: wir vergleichen unsere „Kriegsverletzungen“… Sie lacht: „Meine sind kleiner…“ Ach, das wünsche ich ihr sehr.

Pfarrersküken zieht sich gerade im Nebenraum um: sie hatte ja so gerungen mit diesem Predigttext, der heute ansteht – sie ist eine junge Frau, die allzu gerne an schwarz-weiß, richtig und falsch, an geraden Wegen glaubt… Zwischentöne? Umwege? Hmm. Und sie hat Heimweh. Und sie wünscht sich sichtbare Erfolge als hinge ihr Leben davon ab – und doch kann ich nicht anders, als ihr zu erklären, dass wir selten sehen, was das Wort ausrichtet, das wir ausrichten… Heute ist sie entspannter als sonst. Ich hatte ihr vom Senfkorn erzählt. Und davon, dass Umwege im Nachhinein oft Sinn ergeben. Und dass nicht einmal Abraham, über den sie predigen will, einen schnurgeraden Weg gelaufen ist – und doch wird er als Beispiel des Glaubens geführt… Wir beten miteinander. Ich für sie, wir gemeinsam für die Menschen, die kommen. Dann ist es Zeit für den Gottesdienst.

Nur, dass wir nicht anfangen können… Immer, wenn wir die Tür zumachen wollen, kommt noch jemand: „Ist der Gottesdienst hier?“, „Hab‘ noch das Kind…“, „War Stau…“ Währenddessen beweist unsere Kantorin wahrlich einen langen Atem – und der Saal kann langsam mit dem durchschnittlichen Gottesdienstbesuch einer deutschen Gemeinde mithalten! Pfarrersküken strahlt.

Unsere Theologiestudentin kommt raus: „Soll ich jetzt Kindergottesdienst machen? Sie sind alle so klein…“ Strahlend antwortet sie: „Warte mal ab! Sie kommen noch… Und wenn nicht, dann hebst du das für das nächste Mal auf – so toll, wie du dich vorbereitet hast!“ Dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen, denn am Ende – wie könnte es anders sein – sind auch die größeren Kinder da und freuen sich auf ihren Gottesdienst. 🙂

Wir beginnen. Und obwohl unser Gesangbuchmann sich verspätet, singt die Gemeinde auch das erste Lied – aus vollem Herzen. Als er ankommt, holen wir die unbekannteren Lieder und die vielen Strophen nach. 😉 Wir werden dringend noch ein paar neue Gesangbücher kaufen müssen, denn inzwischen reichen sie nur noch für jeden zweiten…

Die Predigt spricht an und setzt in Bewegung, gibt Sinn für die eigenen Wege. Ach ja, der Text war Hebräer 11,8-10: „Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, in ein Land zu ziehen, das er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme. Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen in dem verheißenen Lande wie in einem fremden und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung. Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.“ Sie spricht darüber, dass unsere Wege zwar nicht immer so verlaufen, wie wir sie geplant oder erträumt haben, aber wirklich erfolgreich und gut werden, wenn wir sie mit Gott gehen. Über Abraham, wie er Sicherheiten und Bekanntes auf die Verheißung Gottes hin verließ – und obwohl es nicht immer so aussah, als würde das Versprechen Gottes wahr werden, und er sich zuweilen auch selbst im Weg stand, er einen guten Weg gemacht hat, weil er am Glauben festhielt… Und auch wir…

Einen guten Weg machen wird wohl auch unser jüngstes Mitglied, das wir am Palmsonntag taufen werden und das bei den Liedern aus voller Kehle „mitsingt“ – während der Predigt blättert sie andächtig in ihrem Bilderbuch. Schön.

Nach dem Gottesdienst gibt es ein kleines Kulturprogramm: Unser Konfi – ja, wir haben einen! – trägt ein Gedicht vor, einer singt ein Lied mit der Gitarre und beschenkt uns ebenfalls mit einem Gedicht. Danach wird der Raum kurzerhand zu einem großen (doppel)Kreis umgestellt und wir singen noch gemeinsam eine Runde – das tut vielleicht gut…

Kirchenkaffee – Zeit für Gespräche. Die meisten verschwinden im Obergeschoss, wo es den Kuchen gibt – ich bleibe, wie immer, als letzte im Raum stehen… Eine junge Frau kommt auf mich zu – heute hat sie keine Perücke mehr an, ihre neuen, kurzen Haare sind seidig und leicht grau, hübsch in Form geschnitten, als wäre sogar die Farbe Absicht. „Schön sind deine neuen Haare geworden, wie bei einem Fotomodel.“ – sage ich zu ihr „Dann hast du jetzt die Behandlungen überstanden. Ich hab‘ viel an euch gedacht.“ „Ja, Mamas Babyhaare sagt mein Sohn zu mir…“ – erzählt sie. (Ihr Mann kam vor gut 7 Jahren bei uns an – damals noch alleine. In der Zwischenzeit verliebt, verlobt, verheiratet, Kind, Krankheit und nun stehen wir hier… er ist heute nicht da.) Sie erzählt mir. Den Weg, den sie mit der Krankheit gegangen ist. Von der anstehenden Reha. Alles. Und dass der Mann jetzt… nun, es geht ihm nicht gut – nicht mit sich und nicht mit Gott. „Entspannungsschmerzen.“ – sag‘ ich zu ihr. Und weiss auch schon, dass ich ihn anrufen werde und welcher Arzt aus der Community nach ihm gucken kann – manchmal ist Muttersprache genauso wichtig wie Medizin. (Wir haben’s organisiert… 🙂 ) Wir reden noch eine Weile – ich nehme sie in den Arm. „Es wird alles gut.“ – sagt sie. „Ja, das wird es.“ – sage ich.

Beim Kaffee kreisen die Gespräche um die eigenen Lebenswege im „fremden“, im „neuen“ Land. Der Predigttext kommt wieder… Die Frage, wohin die Wege führen und wie man die Wege sinnvoll nutzt… Bleiben, zurückgehen, weitergehen – wie lange, wenn ja, wann und wohin? Spannende Diskussionen – und doch, ich spüre den Schutzraum dieser Verheißung, die verkündigt wurde: mit Gott werden es gute Wege.

Ich kann gar nicht alle Begegnungen und kleine Momente aufzählen, die sich an diesem Nachmittag und Abend ereignen – ich merke nur: da ist Segen drin.

Nach und nach gehen alle ihre Wege, bis ich und Pfarrersküken zu zweit zurückbleiben – sie sieht müde und zufrieden aus, strahlt von Innen, selten habe ich sie so im Einklang mit sich gesehen. Ich danke ihr für die Predigt. Wir sprechen noch kurz über dies und jenes, während wir zusammenpacken und überall nach dem Rechten schauen – aber auch das ist heute eigentlich überflüssig: es gibt wohl Engel, die sich das zur Aufgabe gemacht haben…

Dass ich noch gut 3 Stunden Fahrt bis zu dem Klappsofa habe, auf dem ich heute Nacht schlafen werde – gut so! Denn ich muss das alles erst einmal reflektieren – so sagte es das Pfarrersküken – und so geht es mir auch. Wie viele Geschenkbänder es diesmal sind, kann ich selbst nach Tagen noch nicht zählen…

Ich bin überwältigt und dankbar.