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Ein theologisches Wörterbuch fällt mir in die Hand: ich erinnere mich noch genau, wie dieses Buch mit den schiefen Buchstaben auf dem Buchrücken in meinen Besitz kam. Eigentlich sollte es ja geschreddert werden in der Druckerei – Fehldruck…

An dem Tag arbeitete aber auch der Pianist als Aushilfe an den Bändern und hat an mich gedacht; dieses eine Exemplar für mich mitgenommen – schiefe Buchstaben, eine lädierte Bindung beeinträchtigen doch nicht den Inhalt, sagte er.

Wie in seinem Leben. Er suchte eine Zukunft hier. So weit wir gehört haben, war er einer der vielversprechendsten Talente der Szene gewesen, bis seine Hände nicht mehr so wollten, wie sein Kopf, Seele, Können, Talent… Ein herber Rückschlag. Und doch war er ganz energie- und kreativitätsgeladen und hat uns allen gut getan mit seiner Art, seinem eigenwilligen Humor, seinem schnellen Reden und vielen Plänen. Er war einer, der nicht aufgab. Selbstmitleid war nicht.

Eines Abends saßen wir zusammen in einer vollbesetzten Kneipe – wir mussten uns Stühle erkämpfen, dass wir alle zusammen sitzen konnten – da eröffnete er uns, er sei verliebt. Wer ist sie? – fragten wir. Ja, wir könnten sie nicht kennen, sie sei keine von uns, würde aber in eben dieser Kneipe jobben… Da war es uns dann auch klar, warum wir uns hier unbedingt hineinquetschen mussten… 😉

Kurze Zeit danach war sie nach Skandinavien „abgehauen“, wolle ihn nicht mehr sehen. Aber er war sich sicher. Er würde ihr hinterherfahren. Als er das erzählte, hatte er ein eigentümlich fiebriges Glänzen in den Augen und strahlte eine Freude aus, die wir sonst nur bei den wenigen Malen bei ihm gesehen haben, wo er Klavier spielen konnte… Verrückt – dachte ich mir. Die anderen auch. Es gab zahlreiche Versuche, ihm das Unterfangen auszureden: Du kannst doch nicht einfach so nach Skandinavien trampen! …

Danach sah ich ihn noch ein- oder zweimal, eben auch, als er mir das Wörterbuch brachte… Dann war er weg, der Pianist.

Einige Jahre haben wir nichts von ihm gehört. Jetzt sind sie beide wieder da. Verheiratet. Haben inzwischen 4 Kinder. Sind glücklich. (Er ist Organist, unterrichtet und gibt gelegentlich Konzerte.)

Immer, wenn ich das Buch in die Hand nehme, erinnert es mich daran, nicht nur die Oberfläche zu sehen….

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