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… das macht man nicht. Das ist viel zu gefährlich. Besonders heutzutage – sag‘ ich zu mir und lasse den Mann am Straßenrand stehen; er sieht irgendwie suspekt aus.

Ich hatte ihn schon vergessen, als mir heute der Zweite begegnet – irgendwie verloren steht er da, an der Ausfahrt der Raststätte, ohne Schild, winkt nicht, macht nicht mal auf sich aufmerksam.

Ich bleibe stehen, mache das Fenster auf der Beifahrerseite herunter. Er sagt „München“. Und dann fängt er – unwillkürlich – an, in meiner Muttersprache zu sprechen: er wolle nach Hause. Verdutzt schaut er mich an, dass ich ihm in der heimischen Sprache antworte: München ist nicht meine Richtung. Und auch für ihn wäre es die falsche Strecke, wenn er nach Hause will – oder?

Ich lasse ihn einsteigen, auch, wenn ich ihn nur bis zur nächsten Raststätte mitnehmen kann, denn ich kann ihn unmöglich da stehen lassen – das hier ist kein Zufall. Sofort purzelt die ganze Geschichte aus ihm heraus: nicht in der Reihenfolge des Geschehens, aber es liegt auch so viel oben auf, dass er gar nicht weiss, womit er anfangen soll… Dass er in Belgien weggelaufen ist? Seit heute Morgen um 7 unterwegs auf den Autobahnen, nicht genau wissend, ob er nach Hause kommt, und wo lang er überhaupt muss – er fragt mich noch einmal ganz genau nach der Strecke, die er sagen muss, damit er keinen allzu langen Umweg… Ja, München wäre zu weit… Dass er seit 3 Tagen nichts gegessen und kaum ‚was getrunken hat – ich reiche ihm wortlos meine Wasserflasche und höre ihn trinken, als wäre er in der Wüste unterwegs… Dass ihn die Polizei aufgegriffen habe, nachdem er weggelaufen sei, die Papiere kontrolliert, das war noch in Belgien – aber die waren nett gewesen, hätten ihn soweit verstanden, dass er nur noch nach Hause wollte und ihn sogar an einer Raststätte an der richtigen Autobahn abgesetzt – extra einen Umweg gefahren, damit er wegkommt… „Wie weit ist es noch nach Hause?“ – fragt er mich unvermittelt. „Sie kommen gut voran, bald ist es geschafft“ – antworte ich ihm – „und jetzt werden wir an der nächsten Raststätte stehenbleiben und essen, denn Sie brauchen Kraft.“ Und weil es bis dahin noch eine ganze Ecke ist, erfahre ich die ganze Geschichte: wie er zu Hause keine Arbeit fand und die beiden Jungs, 5 und 6 Jahre alt, nicht mehr ernähren konnte, obwohl er gelernter Maler ist. Ich kenne diese Gegend: 50-60% Arbeitslosigkeit, im Winter schlimmer. Wie dann das Angebot kam, im Ausland zu arbeiten. Hoffnung. Ja, macht er. Auch ohne Sprachkenntnisse. Alles, egal wo, Hauptsache, ehrliche Arbeit und den Kindern genug Essen kaufen können… Seine Frau packte ihm 2 belegte Brote ein – viel mehr hatten sie nicht zu Hause – der Arbeitsvermittler, der „Chef“ packte ihn ins Auto, und los ging’s. Bis nach Belgien. Sie mussten schuften, wie die Sklaven. Keine Pausen, nicht mal zum Trinken. Haben kein Geld bekommen und auch kaum zu Essen. Als er sich beschwerte, wurde er geschlagen. Nach wenigen Tagen bat er um seinen bisherigen Lohn, damit er sich selbst etwas zum Essen kaufen kann. Schläge. Da nahm er seine Tasche und ging. Er weinte fast, als er sagte, er schäme sich, dass er ohne einen Cent in der Tasche zu seinen Kindern zurückgehen muss.

An der Raststätte bestellte ich ihm ein warmes Essen. Für die Kinder eine Tafel Schokolade, hab‘ ihm einen kleinen Geldschein aufgenötigt, man könne nie wissen, und so ganz ohne Geld… Schrieb ihm die Telefonnummer meiner Kollegin auf, einer aus der Community, deren Gemeinde auf seinem Weg liegt. Für alle Fälle. Falls alles schiefgeht. Da liegen noch einige Hundert Kilometer dazwischen. Gut, dass wir Europaweit vernetzt sind…

Dann den Heimweg sichern… Lieber sicher und langsam als stranden, dachte ich, und schlug ihm vor, dass wir die Brummifahrer fragen… Nach fast einer Stunde fanden wir ihn – er reparierte gerade etwas an seinem LKW und guckte uns verdutzt an: zugegebenermaßen müssen wir ein recht ungleiches Paar gewesen sein… Ob wir beide mit ihm fahren wollten? Er könne nur eine Person… Erleichterung. „Nein, nur ihn“ – antwortete ich ihm – „er braucht Hilfe, muss nach Hause.“ Der Fahrer nannte ein Autobahnkreuz – in der Heimat! – dort könne er ihn absetzen. Es geht in 6 Stunden los. Bis dahin muss er ruhen. Ich kann mich nicht erinnern, wie oft ich ihm gedankt habe…

Dem Anhalter habe ich Gottes Segen gewünscht und …

…ja, das ist dann der Moment, wo du die Welt so gerne verändern würdest. Dass so etwas nicht passiert. Dass kein Vater an einer Raststätte steht, weil er zur Sklavenarbeit gezwungen wird, weil er seinen Kindern nicht genug zu essen kaufen konnte… Und alles, was du tun konntest, war ein Ohr zu haben, ein warmes Essen, einen kleinen Geldschein und eine Wegbeschreibung…

…Der Brummifahrer ist jetzt dran…

Als ich mich ins Auto setzte, um weiterzufahren, lief im Radio „Your own personal Jesus“ – und ich betete, dass Jesus den Mann auf dem Weg begleiten und beschützen möge, dass er gesund wieder zu seiner Familie nach Hause kommt.

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