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„Ich muss hier raus,“ denke ich mir, „mir fällt die Decke auf den Kopf, ich kann die Unsichtbarkeit nicht ertragen und nicht die Einsamkeit meines Kämmerchens…“ Es ist spät am Abend, und ja, ich muss zugeben, dass ich nicht stolz darauf bin, dass mir nichts besseres einfällt – und das, obwohl ich immer noch mit der Grippe kämpfe und es endlich geschafft habe, ein paar Tage nicht zu rauchen – , als zur Tankstelle zu fahren, mir ein Päckchen von den leichtesten Zigaretten zu kaufen und dann was weiß ich wie lange durch die Nacht zu fahren, in der Hoffnung… ja, was hab‘ ich eigentlich gehofft?

Die Zigarette tut natürlich nicht gut, das kann ich an meiner Lunge hören und spüren. Ich gehe in den Waschraum, denn ich bin immer noch unschlüssig, wie diese Nacht weitergehen wird und ich fühle mich einfach mies – mit Pullover und Jeans über meinen Schlafanzug: weiss ja keiner. Ein Blick in den Spiegel verrät mir auch, dass man es nicht sieht. Tatsächlich sehe ich zwar nicht gut aus, aber wesentlich besser, als ich mich fühle. Ich verweile vor dem Spiegel: „Was machst du hier? Und was machst du jetzt? Fährst du einen der Serpentinen hinunter zum großen Fluß – das tust du doch immer so gerne und der Anblick des Wassers sortiert dich immer…“ Immer noch unentschlossen verlasse ich den Waschraum.

Er sitzt vor der Tür, geduldig wartend, auf einem Barhocker, freundliches Lächeln auf dem Gesicht: „Ich habe auf Sie gewartet.“ – sagt er. Er kommt mir vage bekannt vor, auch, wenn ich ihn gerade jetzt nicht einordnen kann. „Sie sind doch die Pfarrerin.“ – fährt er fort, langsam, respektvoll aufstehend, zählt die umliegende Orte auf, schließlich das Krankenhaus, am Ende der Welt, wo er mich vor einiger Zeit in Aktion erlebt hat. „Haben Sie noch Kontakt zu dem F.? Dürfen Sie überhaupt ‚was dazu sagen? Ich habe seine Mutter gefragt, aber sie wollte nicht… Wir sind damals rausgegangen, ich weiß, das durfte man nicht, aber wir sind bis zur Eisdiele, haben uns den Wind um die Ohren wehen lassen, das tut gut.“ Erzählt. Und ja, ich kann mich erinnern an F. Er war schlimm dran, wurde von einer Station auf die nächste verlegt, Woche für Woche, hatte eine grimmige Art, und doch: ich machte immer wieder Station bei ihm, auch wenn es kaum je ein richtiges Gespräch gewesen ist – meist sorgte ich nur dafür, dass er das nächste Glas Wasser trank, denn bei den Mengen an Medikamenten, die F. zu schlucken hatte, braucht man diese Spülung, dass weiß ich aus Erfahrung. Also nach jedem Gespräch Station machen bei F. Trinken. Sich hin und wieder eine neu-erfundene Geschichte von ihm anhören… Irgendwie handelten sie alle von Verlust und hätten einem Faktencheck nie standgehalten, waren aber trotzdem sehr wahr. Mit Ende 20 die eigene Endlichkeit greifbar nahe zu haben ist heftig. Da ist jemand mit einem Glas Wasser vielleicht nur ein Strohhalm… ein letzter… Und doch hat F. uns beide bewegt und führt uns hier, an der Tankstelle, mitten in der Nacht, zusammen. Ich frage mich, was der Mann hier macht. Er war ja damals dort auch Patient… Antworte, dass ich mich wohl erinnere. Dass das eine schwere Zeit war für F. Und frage, wie es ihm, meinem Gegenüber inzwischen geht. Die Antwort ist ausweichend. Viel Blut hätten sie ihm damals abgenommen. Ich solle F. grüßen, wenn ich ihn doch noch sehe. Nennt seinen Namen. Ich schaue ihm in die Augen, und verspreche, ich würde es tun. Gebe ihm die Hand, die er länger als üblich festhält. Wir verabschieden uns.

Draußen im Auto denke ich mir – bist wohl ein bunter Hund. Nirgends anonym. Dann: Den Talar nimmst du mit. Nee, der Talar trägt dich. Es ist alles gut. Du weißt doch, wer dich trägt. Fahr‘ nach Hause, schlafen. Gesund werden.

Eben hast du einen Engel getroffen. Es ist alles gut. (Tränen der Rührung in den Augen.)

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