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Er ist charmant. Und humorvoll. Gebildet und unterhaltsam. Sieht gut aus und kommt in der Gesellschaft anderer gut an. Im Beruf ist er erfolgreich, seine Frau ist schön, seine Kinder wohlerzogen. So sieht Erfolg und Glück aus – von nicht wenigen wird er, nein, die ganze Familie beneidet…

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Ich treffe seine Frau irgendwo, zufällig, zum ersten Mal unter vier Augen. Sie weicht mir aus, will sich nicht so recht mit mir unterhalten… Denkt wohl, auch ich habe nicht hingeschaut, hinter die Maske gesehen. Aber ich kann nicht anders – unter der Oberfläche habe ich sie gesehen: die Angst. Ich ahne es, und bekomme es jetzt erzählt, dass die Maske fällt, wenn die Wohnungstür zugeht – dann ist er nicht mehr charmant, sondern tödlich gefährlich. Seit Monaten schläft sie, wenn sie denn schläft, mit dem Telefon unter dem Kissen, damit sie Hilfe rufen kann – die Polizei. Gehen kann sie noch nicht, nicht ohne die Kinder, die sich still und leise (und eben nicht wohlerzogen) in der Ecke verkriechen. Ich sage ihr, dass meine Tür immer offen steht für sie und die Kinder – das bringt ihr sichtbar Erleichterung, auch wenn sie das Angebot nicht wahrnimmt. Dafür ruft sie mich von diesem Tag an öfter an – es ist gut, eine Verbündete zu haben, die Bescheid weiß.

Das ist lange her. Der Mann inzwischen weit weg, das Sorgerecht bei ihr, die Kinder groß und nicht mehr gar so wohlerzogen, dafür glücklich. Sie hat es geschafft. Eine starke Frau, heute glücklich mit einem, der sie auf Händen trägt.

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Sie hat sich lange nicht mehr in der Kirche blicken lassen und mein Bauch schlägt Alarm… Ich fahre bei der Familie vorbei. Der Mann empfängt mich, charmant, wie immer, bietet mir eine Tasse Espresso an. Wir fachsimpeln über Espressomaschinen und Kaffeesorten, ich lobe seinen Geschmack… Lasse ihn seine Frau von mir grüßen.

Ein paar Tage später sitzt sie bei mir im Sprechzimmer. Es ist schon einige Wochen her, dass er sie so schlimm geschlagen hat, dass sie zum Kieferchirurgen musste. Dem Kind hat sie gesagt, sie sei die Treppe runtergefallen… Dass Treppen auch immer so gewalttätig sind! Ich kläre sie auf. Darüber, dass sie nicht alleine ist. Und darüber, dass sie mehr Macht hat, als sie denkt. Es gibt nicht nur den Notausgang Frauenhaus und dann, wie sie befürchtet, nicht mehr für das Kind sorgen zu können… Rede ihr zu, eine Anwältin aufzusuchen.

Kurze Zeit später taucht sie wieder bei mir auf. Sie ist wie ausgetauscht. Entspannt. Strahlt Stärke aus. Sie hat sich beraten lassen und weiß jetzt, dass sie mit dem Gutachten vom Kieferchirurgen und der Anwältin zusammen am längeren Hebel sitzt. Sollte er je wieder die Hand gegen sie erheben, dann muss er gehen – so hat sie entschieden. Er wagt es nicht.

Die Entscheidung, zu bleiben, begreife ich nicht. Aber immerhin kennt sie den Ausgang. Hin und wieder rufe ich sie an, sorge dafür, dass sie weiß – ich bin da. Er hat seit 2 Jahren nicht mehr zugeschlagen. Immerhin.

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😥 Anni ist tot. 😥

Das zu lesen erschüttert mich. 😥 Denn ich weiß, wie schwer der Absprung, wie lähmend die Angst, wie groß die Scham… Es ist schlimm und mir fehlen die Worte. 😥

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Bitte schaut nicht weg… Bitte bleibt nicht bei diesen Typen…

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