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Heute wäre er 100 Jahre alt geworden.

Seit ich denken konnte, war er immer da, ein kleiner Mann, charmant, freundlich und still – meist fand ich ihn an seinem Schreibtisch sitzend vor; in ein Buch vertieft oder mit sagenhafter Geschwindigkeit seine alte mechanische Schreibmaschine bearbeitend. Wenn ich zu ihm kam, ließ er die Arbeit stehen, setzte mich auf seinen Schoß, zog die Schublade auf und schenkte mir ein Bonbon. Scharfe, schwarze Halsbonbons waren das gewesen… Manchmal barg die große Schublade auch andere Schätze: ein Stückchen Zucker – „Kartoffelzucker“ nannten wir die Süßigkeit, fragen Sie mich nicht, warum – oder Trockenpflaumen. Auf dem Schreibtisch lag ein brauner Stein, deren Form mich faszinierte – kein Kiesel aber auch kein Bruchstein. Ich spielte oft damit, während ich die Süßigkeiten aß und Großvater mir – als wäre ich schon ganz groß und kundig – von seinem neuesten Buch oder Artikel erzählte, seine Notizen vor mir auf dem Tisch ausbreitete, meine Meinung erfragte… Konsultationen der besonderen Art. Nicht selten kam ich später in seinen Büchern vor. In seinem Herzen immer. Und umgekehrt.

Wenn Sie mich fragen, wo ich wissenschaftliches Arbeiten gelernt habe, dann würde ich antworten: nicht an der Universität. Damals, dort, bei Großvater, mit Stein in der Hand, Kartoffelzucker lutschend, im Gespräch mit ihm… Mit Kopf und Herz.

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Ich habe seine Briefe aufbewahrt – durch viele Umzüge und Stationen meines Lebens mit mir mitgenommen – er schrieb sie auf der Schreibmaschine, in einer ungewöhnlich kreativen, humorvollen und heiteren Sprache, ach was, das war seine Geisteshaltung… Immer wieder schrieb er mir – oft nur zwischen den Zeilen – er sei stolz auf mich. Das schon an sich besonders – aber mein Großvater war stolz auf mich auf Augenhöhe. Wie er schon damals, als ich klein war, seine Publikationen mit mir besprach… Ein ganz großer Mensch, der sich nie groß machen musste.

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Ja, der Herr Professor, der umschwärmte, umjubelte, vielgefragte, saß oft ganz bescheiden in der Küche meiner Großmutter und schälte und schnitt Obst oder Gemüse. Oder spielte mit uns Kindern Fußball, wenn wir die Sommer im Bauernhaus verbracht haben, wo er die Buchsbäume im Vorgarten in perfekte Formen schnitt. An seinem 75. Geburtstag erzählte er uns – er war ausgelassener als sonst – dass er als junger Mann auf den Händen laufen konnte und es gerne und oft tat. Mit 60 habe er es auch noch gekonnt und vor Kurzem wieder einen Versuch gestartet – nein, jetzt ginge es nicht mehr, ein Handstand wohl schon noch, aber für’s Gehen fehle die Balance… Und er lächelte leise, rollte meinem Cousin den Fußball zu und verschwand für ein paar Minuten.

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Habe ich schon erwähnt, dass er Klavier spielen konnte? Nun waren Klaviere selten in jenen Zeiten, die er durchleben musste… Fragen Sie mich nicht, wie viele Jahrzehnte er kein Instrument in seiner Nähe hatte – die Zeiten waren schwer. Ich habe dann Klavier gespielt – stümperhaft und … – und ja, da stand er, bei uns im Wohnzimmer, mein schöner, alter schwarzer Flügel. Wenn Großvater kam, setzte sich hin und spielte. Ohne Noten – Musik aus einer lang vergangenen Zeit – manchmal zögernd und manchmal mit ganz großer Freude. Ich saß da, hörte ihm zu – während Mutter und Großmutter die Küche auf den Kopf stellten – besondere Momente.

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Er hat die schönsten Weihnachtsbäume geschmückt.  Wie von Engelshand gestaltet standen sie dort, und kündeten von der Liebe. Wie im Sommer seine Blumensträuße, die er aus den Feldblumen band, die er auf seinen einsamen Spaziergängen pflückte und uns mitbrachte. Als er ganz alt wurde, schmückte er keinen Baum mehr – er verwandelte eine unscheinbare Zimmelpflanze in Weihnachten. Und wir sahen, wir spürten, es ist noch genauso…

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Er hat nie aufgehört zu arbeiten – er war, was er tat – mit Bedacht gab er nach und nach Aufgaben und Arbeitsgebiete an Jüngere ab. Doch die Schreibmaschine verstummte nicht. Immer, wenn ich kam, gab es Bonbons, Notizzettel und Konsultation. Sein letztes Buch schickte er an seinen Verlag, da war er schon 89, das Buch klein, aber brilliant, denn die ruhigen Zeiten zum Arbeiten wurden rar: Großmutter lag im Sterben.

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Nach ihrem Tod wurde er krank. Er räumte auf. Sortierte ein Leben von fast 90 Jahren. Wenn ich kam, war es nicht mehr die klappernde Schreibmaschine, die mich erwartete: es waren alte Papiere, die eine Geschichte erzählten. Bücher von Bedeutung. Ein Bild, das er von der Wand hängte – wieder eine Geschichte.

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Irgendwann ging es nicht mehr alleine. Meine Mutter kam täglich, aber selbst das… Ich ließ mein Leben stehen und bin zu ihm hin. Passte Tag und Nacht auf ihn auf. Immer wieder gab es diese klaren Momente, wie damals. Dazwischen viel Angst. Nach sehr kurzer Zeit hat er sich entschieden. Holte den Arzt und sagte ihm – er wolle jetzt ins Krankenhaus. Dort bleiben.

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Ich besuchte ihn. Dünn ist er geworden. Sehr dünn. Er zog mich zu sich in sein Krankenbett, lehnte sich an meine Schulter, kuschelte sich an meinen Arm, hielt meine Hand und … Worte brauchten wir nicht mehr viele.

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Nach seinem Tod fand meine Mutter Notizzettel unter seinen Krankenhaussachen – ein Entwurf für ein Buch.

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Ich habe mir von seinem Nachlaß nur den braunen Stein mitgenommen.

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Bei seiner Beerdigung soll ich ein Gedicht gesprochen haben, das ich ausgesucht habe – die Erinnerung an den Tag fehlt. Es ist eigentümlich, wie unsere Seelen den Schmerz verschließen. Man sagt mir, ich hätte außergewöhnlich schön gesprochen – ich weiß nicht mal mehr, dass ich da war, ihn mit zu Grabe trug. Hm. Man nennt mir das Gedicht – und ja, das passt. Werde ich gewesen sein. Die Bilder kommen nicht wieder. Da war Großvater nicht mehr da.

„Laßt solcherart uns seiner jetzt gedenken:

Natur kann sich nicht zweimal gleich verschenken,

Ihn gibt’s nicht mehr und gab’s auch vor ihm nie.

So wie ein Blatt mehr ist als eines Blatts Kopie,

Wird auch in all der Zeit ihm keiner gleichen.“

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Den Stein halte ich heute in der Hand. Und die Erinnerung. Und die Zuversicht, dass wir uns wiedersehen.

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