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…wo er will.

So sagte Jesus zu Nikodemus, der in der Nacht, heimlich, im Schutze der Dunkelheit zu ihm kam. Ein einflußreicher Mann, Pharisäer, Mitglied im Hohen Rat – konnte sich nicht leisten, mit Jesus gesehen zu werden.Henry_Ossawa_Tanner_-_Nicodemus_coming_to_Christ

Ich frage mich, welche Sehnsucht ihn wachgehalten haben muss, ihn über die dunklen Straßen trieb, bis er bei Jesus vor der Tür stand. Mit politisch korrektem Smalltalk setzt Nikodemus an: „Wir wissen, dass du etwas Besonderes bist, Jesus…“, nur um fast gleich unterbrochen zu werden: Jesus will keine Schmeicheleien hören. ER sieht die Sehnsucht. ER sieht, dass Nikodemus etwas anderes braucht, als gepflegten intellektuellen Austausch.

„Neu geboren musst du werden, um das Reich Gottes zu erlangen…“ Heftig. Hört sich nach sterben müssen an, um von Null wieder anzufangen, das Leben umkrempeln, weil man berührt wird von der Liebe, die Gott einen entgegenbringt. Das Leben in Fülle – und das Alte drangeben. Radikal. Und befreiend.

Nikodemus sperrt sich: „Wie soll ein alter Mensch neu geboren werden? Kann ja wohl nicht wieder ins Mutterleib zurück…“ Aber natürlich hat er’s verstanden. Gott will echte Beziehung – keine höfliche, distanzierte Zustimmung vom Kopf her. Sein JA hat ER schon längst zu uns gesprochen.

Jesus erklärt – und Nikodemus fragt, versteht nicht – aber ich glaube doch, dass er’s ahnt, dass Gottes Liebe einen umkrempeln kann. Und dass das unglaublich schön ist.

In dieser Nacht geht Nikodemus wohl nach Hause. Wir wissen nicht, was er sich gedacht hat. Ob die Sehnsucht gestillt war?

Zweimal treffen wir ihn noch im Johannesevangelium: einmal, als Jesus festgenommen wird. Er versucht, sein Einfluß geltend zu machen, um Jesus einen fairen Prozess zu ermöglichen, lehnt sich dabei weit aus dem Fenster. Wird er doch gefragt: ‚Bist du etwa ein Galiläer? (also ein Jünger Jesu?)‘

Und zum Schluß dann noch einmal. Nach der Kreuzigung. Zusammen mit Josef von Aimathäa ist er bei der Grablegung dabei. Spendet hundert Pfund Salböl. Die Sprache der Liebe. Nikodemus ist angekommen. Er geht nicht mehr bei Nacht, heimlich.

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